Comedy in 140 Zeichen



Online Comedy via Twitter, kann das denn überhaupt gehen? Ja, es kann. Vor einigen Wochen wurde von Tiernan Douieb (unter @tweetcomedyclub) angekündigt, dass ein Experiment durchgeführt wird, indem englische Comedians kurze Gigs per Twitter veranstalten. Das klingt erst mal seltsam, aber interessant.

Betrachten wir kurz die Einschränkungen von Twitter: 140 Zeichen je Nachricht inklusive Leerzeichen. 100 Abfragen pro Stunde, 1000 Nachrichten alle 24 Stunden.

140 Zeichen sind wirklich nicht viel. Alleine dieser Satz beinhaltet jetzt bereits 131 Zeichen und enthält vergleichsweise wenig Information – und ist nicht einmal lustig. Da Twitter nicht wie ein herkömmlicher Chat funktioniert, und somit keine virtuellen „Räume“ zur Verfügung stellt, weicht man bei Twitter auf die sogenannten Hashtags auf, möglichst kurze Begriffe die mit einem # markiert werden. Somit verliert man je nach Hashtag-Begriff nochmal wertvolle Zeichen. Um jedoch dediziert einem bestimmten Thema folgen zu können, sind die Hashtags notwendig.

Und unter diesen Bedingungen sollten acht Stand-Up Comedy Künstler jeweils zehn Minuten agieren. Von Zuhause aus, oder wo immer sie sich zu diesem Zeitpunkt befanden, ohne sichtbares Publikum. Ohne direkte Reaktion und Interaktion, kein hörbares Kichern, Lachen oder Applaus.

Interessierte folgten also dem @tweetcomedyclub User um weitere Informationen zu erhalten.  Am Tag des Events wurde dann auch das Hashtag bekannt gegeben, mit dem die verschiedenen Künstler ihre Auftritte markieren würden. Da so ein Hashtag von jedem Benutzer verwendet werden kann, wurde mehrfach darum gebeten, dieses Tag ansonsten nicht zu nutzen, damit die Künstler ihre Updates ohne Unterbrechung durch andere Nachrichten liefern können.

Hier zeigte sich prompt der erste Nachteil, denn natürlich wurde diese Information von der Twitter-Gemeinde recht begeistert weiterverteilt, allerdings wird beim Re-Tweet (quasi dem „weiter zwitschern“) die gesamte Original Nachricht benutzt, d.h. das Hashtag stand weiterhin im Text. Es hagelte also jede Menge Nachrichten im Sinne von „RT @tweetcomedyclub: official hashtag will be #tcgig“. Je näher der Startzeitpunkt rückte, desto weniger wurden es jedoch, es gab also Raum Hoffnung.

Mit dem ersten Nachrichten von Tiernan Douieb, der das Event moderierte, und den offiziellen Start ankündigte, stieg die Menge der Re-Tweets wieder an. Er wies nochmal darauf hin, das Hashtag möglichst nicht zu verwenden, ausser für gezielte Zwischenrufe.

Den Anfang – und es sicherlich auch bei einer Bühnenshow schon schwer der Erste zu sein – machte Matt Kirshen (@mattkirshen), der unter anderem auch schon in Deutschland aufgetreten ist. Leider arbeitete er wohl wirklich live, denn die Verzögerungen zwischen seinen einzelnen Postings wiesen auf leidlich gute Tippfähigkeit hin. Die Pausen wurden von einigen Twitter Usern genutzt um schlichtweg garstige Kommentare zu postern, was sie bei einer Live Performance wohl nicht gewagt hätten. Matt Kirshen brachte seine Anekdote leider nicht zu Ende und aufgrund der relativ langen Pausen und Unterbrechungen ging der Humor auch eher verloren.

Rob Heeney (@robheeney), der schon seit ca. neun Jahren sein Unwesen in UK treibt, trat als Zweiter auf, und hatte wohl aus den Fehlern seines Vorgängers gelernt. Von der Update-Geschwindigkeit her, hatte er sich scheinbar auf das gute alte Copy&Paste verlassen.  Er arbeitete mit One-Linern, die bis auf wenige Ausnahmen in einer Nachricht unterzubringen waren, ohne dabei ein spezielles Thema zu verfolgen. Vom Humor her eher schwarz, z.B.

My mum only sees the positive in people … which ultimately cost her her job as an HIV tester.

Die Publikumsreaktionen fielen positiv aus, ob das am Humor oder schlicht an der Geschwindigkeit gelegen hat, ist jedoch nicht ganz klar.

Dritter im Rennen war Carl Donnelly (@carldonnelly), der nun auch schon seit fünf Jahren als Comedian tätig ist und unter anderem den Chortle Award als Best Newcomer im Jahr 2007 für sich beanspruchen konnte. Seine Idee die Twitter-Herausforderung zu umgehen war eigentlich sehr clever und ein wenig frech. Nach ein paar Introbemerkungen, verschickte er kurzerhand einen Link auf ein fünf Minuten Video bei youTube das für nuts.tv aufgenommen wurde. Einige Handy-Benutzer beklagten sich scheinbar, beim Rest des Publikums funktionierte diese Lösung jedoch prima. Immerhin gab er am Ende ehrlich zu, einen neuen Standard für den kleinstmöglichen Aufwand für diesen Abend gesetzt zu haben.

Mitch Benn (@mitchbenn), Musiker und Comedian, brachte wohl die meiste Interaktion in den Gig, indem er kurzerhand Texte sendete, und das Publikum selber herausfinden musste zu welcher Melodie diese zu singen wären. Und man hat wohl selten so lachen müssen bei Queen’s Bohemian Rhapsody

I see a little grainy twitpic of a man/SCARAMOUCHE SCARAMOUCHE WILL YOU START A NEW HASHTAG [...]

I’m just a dull boy no-one re-tweets me HE IS JUST A DULL BOY WITH A SMALL FOLLOWING LET’S BLOCK HIM AND-STAMP ON HIS-BLACKBERRY[...]

Directmessage directmessage directmessage let me go /And @neilhimself has a devil on a shelf for me, for me, for meeee…(headbang NOW)

Auch hier ein gekonnter Einsatz von Copy&Paste, und der erste Künstler des Abends der an die Posting Grenze gestossen ist, und dann auf den Account seiner Frau ausweichen musste. Insgesamt so ziemlich der lustigste Auftritt des Abends.

Nach einer kurzen Pause trat Gary Delaney (@garydelaney) auf, der für seine One-Liner bekannt ist. Seine Mischung aus schwarzen Humor und Wortspielereien bringt ihm in England regelmässige Auftritte ein. Und im Falle dieses Auftritts erwiesen sie sich aufgrund der Kürze sehr passend für Twitter.

I hosted an Antonio Banderas lookalike competition on my boat but it sank and I ended up drowning my zorros.

oder

I caught my daughter masturbating. Finally.

Auch er musste gezwungenermaßen auf einen Zweit-Account ausweichen, kam jedoch insgesamt sehr gut an.

Terry Saunders (@terrysaunders), der eher für seine Anekdoten bekannt ist, erzählte an diesem Abend eine kurze Geschichte über die Peinlichkeiten, die Mann erträgt wenn man wegen Schmerzen am Geschlechtsteil bei einem Arzt landet der a) jünger, b) weiblich, c) hübsch und d) offene Vorhänge in der Praxis hat. Trotz des Lachens empfand man ein wenig Mitgefühl.

Es gab einen Sammelauftritt von Pappy’s Fun Club(@PappysFunClub), eine Sketch Gruppe aus vier Herren, die seit 2004 gemeinsam auftreten und letztes Jahr den Chortle Award in der Kategorie „Best Sketch, Character or Variety Act“ gewannen. Sie führten eine Unterhaltung unter sich, abgesehen von Tom Parry, dessen neuestes Hobby es war, Michael Jackson’s Thriller zu singen, dabei jedoch immer Thriller mit einem Reimwort zu ersetzen. „George Forman GRILLER, Sienna MILLER, Seal’s best single KILLER etc“ Die Gruppe funktioniert live auf der Bühne sicherlich besser, als reine Textversion waren sie zwar unterhaltsam, aber keine Lacher. Aber sie hatten eine gute Entschuldigung

We even wrote a sketch about Twitter. Unfortunately the cast is too big. It’s got 140 characters in it

Letzter Auftritt des Abends war Mark Watson (@watsoncomedian), Autor, Stand-up Comedian und regelmässiger Künstler beim Edinburgh Festival Fringe arbeitet wieder mit One-Linern.

South Africans can’t do vowels. ‘Secrets’ and ‘cigarettes’ sound the same. A S. African asked me can I have one of your cigarettes… I said, well, I once masturbated in the British Library.

Man könnte jetzt kurz darüber grübeln, ob jemand aus Wales sich wirklich über die englische Artikulation anderer Leute lustig machen darf, aber als Comedian darf er das wohl.

Alles in allem war es für einen Erstversuch ein überraschend gutes Resultat. Gewinner des Abends waren wohl Mitch Benn und Gary Delaney, aber man kann guten Gewissens sagen, dass jeder Akt mit Spass und Elan dabei war. Es bleibt zu hoffen, dass beim nächsten Mal technische Probleme vorher besser abgeklärt werden (Zweit-Accounts für alle Künstler, soviel Vorbereitung, dass wirklich alle per Copy&Paste arbeiten können) und dass das Publikum beim nächsten Mal mehr Disziplin an den Tag legt.
Gerade Gary Delaney wurde häufig re-tweetet was sehr irritierend war.
Und mehr Höflichkeit wäre wünschenswert, nichts gegen den einen oder anderen Zwischenruf, aber doch bitte in einer Form, die man sich eben auch bei einem Liveauftritt wagen würde und sich nicht hinter der Quasi-Anonymität eines Twitter Kontos verstecken.

Interessierte wenden sich an diese Website für Infos Twitter Comedy.co.uk, oder folgen dem @tweetcomedyclub direkt auf Twitter. Die Mitschriften der Künstler sind mittlerweile online unter http://twitter.tiernandouieb.co.uk/2009-06-08-gig.htm, ohne die Zwischenrufe aus dem Publikum.


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  1. Tweetcomedyclub continued @ Mapless Maze

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