Der Kreislauf des Geldes



ga_output_imageEine Kurzgeschichte von Mick Fitzgerald

Das Taxi bog ab, in die Clare Street und in eine wirbelnde Brise. Blätter und Busfahrkarten und Zeitungsseiten tanzten vor der Windschutzscheibe. „Jesus, das waren zwanzig Euro, da bin ich sicher“, sagte der Musiker, der gerade im Taxi saß. „Ich glaube, Sie haben recht“, sagte der Fahrer, „aber wenn Sie jetzt rausspringen, um sich den Lappen zu schnappen, dann wird die Krankenhausrechnung teurer. Sehen Sie sich doch nur den Verkehr hinter uns an.“

Der Musiker blieb normalerweise nach einem Gig nicht lange. Er stürzte los, um sich ein Taxi zu nehmen, während der Rest der Band noch einen oder zwei trank.

Aber die zwanzig Euro wurden vom Wind davongetragen und schwebten für einen Moment über einem küssenden Paar. Derselbe Wind, der den Euroschein hielt, fasste die getönten Haare der Frau und schlang sie um die halb geöffneten Finger des Mannes. Die beiden hatten sich an diesem Abend beim Gig des Musikers kennengelernt. Sie war Französin, und als sie den Musikern zugesehen hatte, hatte der Mann ihr alle Stücke und Instrumente und Lieder erklären können.

Die Musiker waren an solche Szenen gewöhnt. Sie klebten den ganzen Abend an ihren Instrumenten und mußten bis zum Geht-nicht-mehr spielen. Mitten in einem Stück oder einem Lied hast du länger als sonst Blickkontakt zu einer schönen Frau. Hier läuft vielleicht etwas, denkst du. Dann kommt aus dem Nirgendwo der Typ mit dem großen Durchblick, was irische Musik angeht. Er zieht die Frau ins Gespräch und kann ihr vermutlich sogar deinen Namen und deinen musikalischen Stammbaum nennen. Wenn der Abend dem Ende entgegengeht, siehst du, wie sein Arm sich um ihre Schulter legt, und damit ist die Sache erledigt. Was hättest du auch tun sollen? Im Krieg und in der Liebe und überhaupt. Der kann doch garantiert eine Note nicht von einer Zote unterscheiden, ist dein letzter Gedanke, wenn du sie zusammen weggehen siehst.

Der Zwanziger wurde von dem Wind weitergetragen, und der klatschte ihn vor dem Gebäude am Merrion Square, das die irische Regierung beherbergt, auf den Boden und klebte ihn an den Kantstein. Ein Betrunkener, der am Tor vorbeikam, wünschte dem Polizisten eine gute Nacht, und der Polizist lugte aus seinem Wachhäuschen und erwiderte den Gruß.

Der Betrunkene hatte sein Haus um zehn Uhr morgens verlassen, um Milch und die Zeitung zu kaufen. Danach hatte er gleich nach Hause gehen wollen. Nur einen, hatte er gedacht. Er hatte immer vor, gleich nach Hause zu gehen. Aber immer führte eins zum anderen. Er würde jetzt zu Fuß nach Hause gehen und das Taxigeld sparen. Am nächsten Tag war Sonntag. Seine Familie würde schon schlafen, wenn er nach Hause kam. Er haßte Sonntage. Seine Frau würde ihn wieder ignorieren.

Der Polizist widmete sich seiner Zeitung, die immer wieder von der wirbelnden Brise angegriffen wurde, und einmal fast auf der Straße gelandet wäre. Er faltete sie zu einer Art Ball zusammen und legte sie auf den Boden. Er war weit weg mit seinen Gedanken. Nächste Woche der erste Urlaub mit dem Baby. Einfach rüber nach Kerry. Ruhe.

Bei der Kneipe O’Donoghues beim Stephen’s Green lag in einem Torweg ein Mann in einem blauen Schlafsack. Er zog den Reißverschluß nicht zu, denn wenn du überfallen wirst, mußt du schnell weglaufen können, und der Reißverschluß ist ein Problem, wenn du getreten wirst. Dann kannst du dich nicht bewegen.

Auf der anderen Straßenseite stand eine lange Reihe von Taxis mit schwarzbeschrifteten gelben Schildern, die sie wie einen Wespenschwarm aussehen ließen. Ein junger Mann wanderte am Schlafsack vorbei und wollte gerade die Straße überqueren und sich ein Taxi nehmen, als er einen Zwanzig-Euroschein am Kantstein entlang wirbeln sah. Er konnte ihn beim zweiten Versuch mit dem rechten Fuß fangen.

Er sprang in das Taxi. „Jesus“, sagte er zum Fahrer. „Ich hab eben auf der anderen Straßenseite einen Zwanzig-Euroschein gefunden. Fahren Sie mich nach Cabra, dann kriegen Sie den Rest.“
„Komisch“, sagte der Fahrer. „Das ist schon der zweite Zwanziger, der mir heute Abend auf der Straße über den Weg gelaufen ist. Da muß irgendwo ein Nest sein.“

Deutsch von Gabriele Haefs
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