Iran: Stratfor knows better
Manchmal ist es doch sehr hilfreich, wenn man den deutschen und internationalen Medienhype hinter sich lässt und stattdessen vernünftige Analysen liest. Eine solche bietet der amerikanische Sicherheitspolitik-Thinktank Stratfor (Strategic Forecasting Inc.), dessen Gründer George Friedman eine sehr einsichtige Einschätzung der aktuellen Entwicklung(en) im Iran verfasst hat, die sowohl die Berichterstattung der westlichen Massenmedien als auch die Wahrnehmung mehr oder minder durchgeknallter „Analysten“ von links- und rechtsradikal als das entlarvt, was sie sind: vernachlässigungswertes Geraune.
Friedmans Einschätzung, die hier kurz referiert werden soll, stellt unmissverständlich fest, dass Ahmadinejad die Wahlen in der Tat gewonnen haben dürfte, selbst wenn es hier und dort Wahlmanipulationen gegeben haben sollte. Erfolgreiche Revolutionen haben nach Friedman drei Phasen: Zunächst rebelliert ein bestimmtes Segment der Gesellschaft, meistens in den Metropolen, dann erhält dieses Segment signifikante Unterstützung aus anderen Teilen der Gesellschaft und schließlich wenden sich die eigentlich mit dem Schutz des Regimes beauftragten Sicherheitskräfte gegen eben jenes. So geschehen in Russland 1917 oder im Iran 1979. Die aktuelle Situation vergleicht Friedmann dagegen eher mit Peking 1989: Die Studenten rebellierten, bekamen aber kaum Unterstützung und wurden am Ende gnadenlos zusammengeschossen.
Die „atemlosen“ westlichen Medien hätten diese signifikante Entwicklung verpasst, da sie obsessiv auf die Demonstrationen in Teheran fokussiert seien, ohne zu bemerken, dass diese nur einen Bruchteil der Gesellschaft repräsentierten. „In constantly interviewing English-speaking demonstrators, they failed to note just how many of the demonstrators spoke English and had smartphones. The media thus did not recognize these as the signs of a failing revolution.†Die Vermutung, dass die iranische Normalbevölkerung wohl kaum aus Englisch sprechenden Nokia- und I-Phone-NutzerInnen besteht, liegt demgegenüber sehr nahe. Trotzdem die DemonstrantInnen – vermutlich – den fortschrittlichsten Teil der iranischen Gesellschaft repräsentieren, ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung eben doch extrem gering und dem “common sense” diametral entgegengesetzt. Friedman vergleicht dieses mit den Widersprüchen zwischen dem ländlichen Texas und New York, eine Differenz, die sich umstandslos auch auf Meck-Pomm vs. Kreuzberg oder ähnliche Konstellationen übertragen lässt.
Auch die vermeintliche Hardliner-Position des Revolutionsführers Khamenei demystifiziert Friedman sehr gekonnt: „Khamenei, the supreme leader, faced a difficult choice last Friday. He could demand a major recount or even new elections, or he could validate what happened. Many powerful clerics like Ali Akbar Hashemi Rafsanjani wanted Khamenei to reverse the election, and we suspect Khamenei wished he could have found a way to do it. But as the defender of the regime, he was afraid to. Mousavi supporters’ demonstrations would have been nothing compared to the firestorm among Ahmadinejad supporters — both voters and the security forces — had their candidate been denied. Khamenei wasn’t going to flirt with disaster, so he endorsed the outcome.
The Western media misunderstood this because they didn’t understand that Ahmadinejad does not speak for the clerics but against them, that many of the clerics were working for his defeat, and that Ahmadinejad has enormous pull in the country’s security apparatus. The reason Western media missed this is because they bought into the concept of the stolen election, therefore failing to see Ahmadinejad’s support and the widespread dissatisfaction with the old clerical elite. The Western media simply didn’t understand that the most traditional and pious segments of Iranian society support Ahmadinejad because he opposes the old ruling elite. Instead, they assumed this was like Prague or Budapest in 1989, with a broad-based uprising in favor of liberalism against an unpopular regime.â€
Weiterhin erteilt er all denjenigen eine Absage, die im Geschehen auf Teherans Straßen auch nur im Ansatz so etwas wie eine Revolution am Horizont aufscheinen sehen und filetiert gekonnt die internen Differenzen der herrschenden Klasse ebenso, wie die Gründe für die Machtbasis von Ahmadinejad. Insgesamt eine extrem lesenswerte Analyse, die weitaus mehr erklärt als irgendwelche “Spiegel”-Titel oder gar die “Analysen” der selbsternannten Gegner des “Imperialismus”.Tweet
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