Ziehen Polizisten manchmal auch Pistolen?
“Setzen die Polizisten bei so was eigentlich auch Waffen ein? Also außer Schlagstock oder so?”
Die Zwölfjährigen neben mir im Auto zählen die Polizeifahrzeuge, während wir den Columbiadamm entlang fahren. So viel Polizei haben sie noch nicht oft gesehen. Da haben sie wohl Glück gehabt. Und dann kommt sie, die überraschende Frage: “Setzen die Polizisten bei so was eigentlich auch Waffen ein? Also außer Schlagstock oder so?” Klar konnte man da nur antworten, “Leider, aber in Berlin ist das schon 40 Jahre her.” Damit gaben sich die Jungs zufrieden.
Zuvor hatten wir ein paar interessante Stunden auf dem gut organisierten, kleinen feinen Straßenfest in der Nähe des Geländes des Flughafens Tempelhof, der an diesem Tag besetzt, na ja, oder zumindest belagert werden sollte, verbracht.
Gelungen ist dies trotz Beteiligung von mehreren tausend Menschen sagen wir mal, nur so halb. Klar, die Besetzung ist gescheitert, was die Initiatoren auch auf ihrer Website (tempelhof.blogsport.de) fast überraschend klar und ehrlich zugeben. “Wir haben es nicht geschafft. Aber wir haben es versucht”, heißt es da. Schon als wir nach Tempelhof fuhren und im Autoradio die Vorabmeldung hörten, dachte ich bei mir aber, eigentlich würde das ja auch reichen. Denn was das Ziel der Aktion war, nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollte, wurde schon durch eine Vielzahl an Nachrichten im Vorfeld erreicht.
Zudem konnte einem auch da schon Angst und Bange werden, bei der Hetze, die die Springer-Presse in altbewährter Manier losließ. Selbst der ja nun wirklich nicht als autonomes Zentralorgan zu bezeichnenden F.A.S. (21. Juni 09) war die BILD-Schlagzeile “Chaos und Zerstörung!” in Bezug zur Besetzung eine Notiz auf der Medienseite wert.
Und außerdem gelang die Besetzung ja doch. Nachts um halb vier hatten es zwei Leute und ein Bier geschafft auf den Flughafen zu gelangen. Beide verließen das Gelände nach drei Stunde wieder, das Bier musste früher gehen.
Anzunehmen ist, dass beide nicht wussten, was einige Stunden zuvor geschah. Sonst wären sie dieses Risiko wohl kaum eingegangen. Dokumentiert von einem Fotografen der Berliner Morgenpost verlor ein Zivilpolizist augenscheinlich Nerven.
Auf dem Foto sieht man einen Mann in schwarzem Kapuzenpullover der, unterstützt von einem Polizisten in Uniform, einen anderen dunkel gekleideten Mann zu Boden drückt. In der Annahme, dies sei eine, wie auch immer geartete, unnötige Situation, bewegen sich andere Leute auf diese Szenerie zu. Dies gefiel dem Zivilpolizisten anscheinend nicht und er griff zu seiner Dienstwaffe, um sie in Richtung des einen Menschen zu halten, der auf ihn zulief. Zum Glück war er noch so gut beieinander, dass er auf die Beine zielte. Und zum Glück blieben auch alle Menschen sofort stehen. Es kam zu keiner Anwendung der Schusswaffe – obwohl ja in manchen Rechtssystemen eine aus dem Halfter geholte Pistole bereits als angewendet gilt.
Ob jetzt der eingesetzte Beamte aufgrund der Hetze von Politikern und Presse im Vorfeld oder wegen angestauter Rachegelüste die Nerven verlor, ist dabei ja erst einmal zweitrangig. Auch will ich an dieser Stelle natürlich keine Verschwörungstheorien vom Stapel lassen.
Fakt ist aber: Seitdem ich mich erinnere, passierte auf einer Demonstration in Berlin, bei denen es nie sonderlich zimperlich zugeht, so etwas zum ersten Mal. Was kommt als nächstes?
Und eines ist noch traurig. Den beiden Jungs, denen ich am Nachmittag noch davon erzählte, dass die Berliner Polizei höchstens Pfefferspray, Wasserwerfer und Schlagstöcke einsetzt, musste ich dann später doch noch etwas anderes erzählen. Sie schauten ungläubig.
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