„Norse Code“ oder „Stell dir vor es ist Ragnarök und keiner kommt“
Na gut, es ist nicht korrekt, dass keiner zu Ragnarök kommt, zumindest nicht in dem Szenario, das Greg van Eekhout in seinem Debütroman „Norse Code“ beschreibt. Aber nicht alle wollen.
Ragnarök steht also vor der Tür. Nein, nicht die Band, nicht das Festival und auch nicht Teil 3? des Spiels, sondern der Weltuntergang der nordischen Mythologie. Das heisst 3 Jahre Winter, Wölfe die Mond und Sonne verschlingen, Fenrir und Jormungand auf freiem Fuss, Naglfar auf Reisen, Surt mobilisiert die Riesen, grosse Schlacht, Tyr tötet Garm (Hels Höllenhund) tötet Tyr, Thor tötet Jormungand (Midgardschlange) tötet Thor, Odin tötet Fenrir tötet Odin … Das klingt soweit erstmal alles sehr unpraktisch.
Jetzt sollte man ja meinen, dass so eine Aktion auf die Götter auch eher unattraktiv wirkt, vor allem, weil die Prophezeiungen ja recht detailliert ist, und fast jeder der Asen weiss, wie es für ihn bzw. sie ausgehen wird. Allerdings sind ein paar Götter durch diese Prophezeiung eben auch abgesichert und wissen, dass sie in der Post-Ragnarök-Welt existieren werden und dort auch etwas mehr Macht besitzen. Die finden die Idee von Ragnarök also gar nicht so schlecht.
Die Prophezeiung spricht ja auch von der grossen Endschlacht Asen und Einherjar gegen Surts Giganten und anderes Geviechs. Einherjar waren ja diese Über-Krieger, die, wenn sie denn hübsch tapfer gekämpft haben, von kräftigen blonden Frauen mit glänzender Rüstung, grossen Brüsten und Altstimme auf Pferden verschleppt wurden. Das war aber nicht weiter schlimm, denn sie wurden nach Walhalla verschleppt und wurden dann gezwungen, bis Ragnarök ihre Zeit mit Saufen, Kämpfen und anderem chauvinistischen Gehabe zu verbringen.
Norse Code spielt jedoch nicht vor ein paar tausend Jahren, sondern heute.
Und seit ein paar Jahren ist bei Krieg die gute alte Tradition das face-to-face Combats eher veraltet, und es ist gar nicht mehr so einfach, unter den Knöpfedrückern die wirklich tapferen herauszusuchen. Noch dazu haben Nachfahren des Odin deutlich mehr Potential, ein prima Einherjar zu werden und mit der Überbevölkerung der Welt ist es gar nicht mehr so einfach diese zu finden. Da nun aber der lange Winter begonnen hat, herrscht etwas Zeitdruck, die Einherjar-Armee aufzustocken. Glücklicherweise hatte allerdings eine clevere Walküre namens Ragrid das Informationszeitalter für sich entdeckt, und überlegt, wenn Wissenschaftler die Nachfahren Dschingis Khans anhand DNA finden können, sollte dies auch mit Odins Nachfahren möglich sein. Auftritt Norse Code: ein global operierender Konzern der vordergründig DNA Tests vornimmt und in Wahrheit nach Odins Genen sucht. Bei Erfolg wird ein Team aus Walküre und Einherjar geschickt und der Proband wird einem Test unterzogen. Die Guten nach Walhalla, die Schlechten nach Helheim.
Da auch Walküren nicht auf Bäumen wachsen, wird Kathy Castillo, die bei einem Überfall zusammen mit ihrer Schwester erschossen wird, rekrutiert und erhält den Namen Mist (der wirklich ein bisschen wie ein Porno Künstlername klingt, aber tatsächlich im Lied von Grimnir namentlich genannt wird). A propos Referenzen auf die Edda: Mists Partner ist ein Einherjer namens Grimnir. Grimnir ist ein recht erfahrener Einherjer, Mist ist eher neu bei dem Ganzen und es mangelt ihr noch ein wenig an Commitment. Bei einem Rekrutierungsauftrag versucht sie aus Mitgefühl, den Tod des Probanden zu verhindern, und tötet dabei Grimnir.
Vom schlechten Gewissen getrieben, macht sie sich auf die Suche, einen Weg zu finden, den armen Probanden und ihre Schwester aus Helheim zu befreien. Dabei fällt ihr ein Gott namens Hermod ein, der bereits in Helheim war und es lebendig verlassen hat. Dass er dabei bei seinem Auftrag versagt hat, seine Brüder Baldur und Hödur mitzubringen, ignoriert sie dabei erstmal und sucht den Gott, auf dass er ihr den Weg nach (und auch wieder aus) der Welt der Toten zeigen möge.
Nun ist es leider nicht so einfach einen Gott zu finden, der sich mit Asgard ein wenig zerstritten hat und generell eher ein umtriebiger Alleingänger ist, der gerne durch Midgard (also die Welt der Menschen) streift. Dank Grimnirs Hilfe (nein, einen Einherjer tötet man nicht einfach so), der sich als guter Freund erweist, gelingt es Mist dennoch, den eher zurückhaltenden Gott zu finden. Da dieser sich gerade mit Wolfsjungen herum schlagen muss, die später mal den Mond und die Sonne verschlingen wollen, ist er recht froh noch ein paar Waffengefährten zu finden. Hermod gehört auch zu jenen Asen, denen nicht prophezeit wurde, wie Ragnarök für ihn enden wird, folglich ist er nicht übermässig scharf auf das Ende der Welt.
Er ruft also eine Seherin an, die ein wenig eigen ist, jedoch für Tee und etwas Essen einige Informationen herausrückt, die sind aber nur bedingt hilfreich und enthalten keine klare Information, wie sich Ragnarök jetzt noch aufhalten lässt.
Also beschliessen die drei sich erstmal nach Helheim zu begeben. Dort angekommen, stellen sie fest dass Hel Hermod nicht mehr so freundlich gegenübersteht wie beim ersten Besuch und nicht willens ist, ihn nochmal einfach ziehen zu lassen, und auch Baldur ist nicht mehr der gute Kumpel der er mal war. Auf der Flucht treffen die drei dann noch auf Hödur und andere Bekannte im Widerstand. Ja, in Helheim gibt es organisierten Widerstand. Warum auch nicht?
Im Laufe ihrer weiteren Flucht, müssen Hermod und Mist feststellen, dass Ragnarök nicht einfach aufzuhalten wird, dass viel mehr Köche an dem Weltuntergangsessen kochen als sie erwartet hätten. Mit den Steinen, die ihnen in den Weg gelegt werden, verhärtet sich jedoch nur ihr Entschluss das Ende mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln (und das sind gar nicht mal so viele) aufhalten zu wollen. Aber wie kämpft man gegen eine Prophezeiung deren Verlauf bereits in Gang gesetzt wurde?
Wer das wissen will, ein Faible für die nordischen Mythologien hat ohne dabei auf “Fakten” zu bestehen, und des Englischen mächtig ist, sollte sich unbedingt dieses amüsante und spannende Debüt kaufen. Ansonsten bleibt zu hoffen dass diese originelle Umsetzung bald ins Deutsche übersetzt wird.
Greg van Eekhout
Norse Code
Spectra Books
ISBN-13: 978-0553592139
292 Seiten
5,05 €
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