Traumjob Schnee-Reporter



Vielleicht hat der Mann mit der eckigen Brille schon sein ganzes Leben davon geträumt, als Reporter von den Krisenherden dieser Welt zu berichtet. Man kennt das ja, mal hier, mal da, immer unter Strom stehend, ständig in Kontakt mit den Mächtigen, die sich bereitwillig interviewen lassen.
Der Enthusiasmus, mit dem der Mann mit der eckigen Brille gegen sieben Uhr morgens seine Livereportage für das ARD-Morgenmagazin beginnt, spricht dafür, dass hier jemand seinen Kindheitstraum verwirklicht hat.
Gut, der Krisenherd, von dem er berichtet, liegt blöderweise nur auf Rügen, genauer in der dortigen Ortschaft Altedingens, aber immerhin gibt es von dort Sensationelles zu berichten. Es hat geschneit!
Und nicht nur das. Der Schnee wird auch weggeräumt, wie der Reporter mit einer Begeisterung berichtet, die man sonst nur von Journalisten kennt, die sich mitten in einem Bürgerkrieg befinden. Die Mischung aus Adrenalinschub, Schlafmangel, Todesangst machts.
Während im nächtlichen Hintergrund ein gut ausgeleuchtetes orangefarbenes Räumgerät den Schnee zusammenschiebt, erklärt der Mann mit der Brille die Fakten: Schnee. Viel Schnee. Mindestens 50 Zentimeter. Nicht gut für den Verkehr. Deswegen muss er weg. Eine Aufgabe für erfahrene Spezialisten.
So ein ganz kleines bisschen öde ist das alles schon, das merkt auch der Krisenherd-Reporter, denn schließlich steht nun schon seit Wochen überall dort, wo es geschneit hat, jemand mit einem Mikrofon in der Hand vor orangefarbenen Räumgeräten herum und berichtet vom aufreibenen Kampf gegen die weiße Pracht.
Deswegen: Auftritt der Prominenz. Enttäuschender Prominenz allerdings, denn der Bürgermeister kann keine richtigen Sensationen vermelden. So geht das nicht, deswegen fragt der Mann mit der Brille das, was Reporter immer fragen, wenn es um menschliche Schicksale in Katastrophenzeiten geht: Wie steht es mit der Solidarität? Dochdoch, die sei vorhanden, sagt der Bürgermeister, „die Nachbarorte und die Agrargenossenschaft helfen.“
Das ist nun ein bischen dünne. Die menschliche Komponente fehlt, Berichte von jahrezehntelang verfeindeten Nachbarn, die plötzlich aufeinander zugehen und mit Nahrungsmitteln aushelfen, von modernen Romeos und Julias, die trotz Schneewehen zueinanderfinden, von jungen Menschen, die selbstlos ihre Mäntel teilen, um die Oma von nebenan zu wärmen, und überhaupt.
„Hilft man sich da gegenseitig?“ insistiert der Mann mit der Brille deswegen erwartungsvoll.
„Ja, auf alle Fälle. Wir unterstützen die Bürger auch beim Schneeräumen“, antwortet der Bürgermeister. Aus. Vorbei. Der Mann mit der Brille hat genug und gibt zurück ins Studio. Dann halt beim nächsten Mal, irgendwo schneit es ja zum Glück immer.


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