Newspeak: Neusprech für den Computer



Gilad Bracha, einer der Erfinder der Programmiersprache Java, hat eine neue programming language mit dem schönen Namen Newspeak entwickelt.

Im Interview mit Pa-Ge spricht er über die Bedeutung seiner neuen Sprache, über spitze und eckige Klammern, Pizza, und warum er in einem anderen Jahrhundert vielleicht Rabbiner geworden wäre.

Die von Ihnen jetzt entwickelte neue Computersprache heißt Newspeak, Neusprech, wie in Orwells Roman 1984. Warum?

Suchen Sie sich einfach eine Antwort aus:
1. Das ist Teil meines bösen Plans, die Weltherrschaft zu übernehmen
2. Ich wollte einen Test erfinden, um zu schauen, ob Leute Humor haben
3. Newspeak ist als minimalistische Sprache konzipiert worden,  aus der das meiste Vokabular entfernt wurde. Was für eine natürliche, gesprochene Sprache sehr schlecht wäre, ist für eine Computersprache ein großer Vorteil, denn da ist weniger mehr.
Generell ist eines der großen Probleme bei Software, dass man zwar immer ohne Probleme neue Features hinzufügen kann, aber Vorhandenes wegzunehmen wegen der Kompatibilität kaum schwer möglich ist,. Eine Sprache, die schrumpfen kann, wäre in diesem Bereich also ein großes Ziel.
4.  Ich habe einen ziemlich schwarzen Humor
5.  Ich bin ein Orwell-Fan

Fangen wir mal ganz vorne an. Was sind die Vorteile von Newspeak, erklärt für Menschen ohne Informatik-Kenntnisse?

Es hilft den Programmierern beim Entwickeln besserer Software, so dass man sich nicht dauernd um Upgrades und Wartung kümmern muss. Ziel ist es, das alles automatisch geschieht. Die Software wirft nicht so viele Sicherheitsprobleme auf und bietet dem User eine bessere Benutzeroberfläche.

Und jetzt das Ganze bitte noch einmal für Menschen mit Programmierkenntnissen....

Newspeak ist nachrichtenbasiert und ohne global namespace. Es bietet exzellenten Support für Modularität, Sicherheit, Reflectivity und Kompatibilität. Es ist als Sprache für Netzwerk-Dienste konzipiert.

Sie haben an Java mitgearbeitet. Was wäre Java heute, wenn Sie nicht gewesen wären?

Ganz grob gesagt: Das, was es heute ist, ein alterndes technologisches Artefakt, das zwar sehr weit verbreitet ist, aber für die Riege der Programmierer einfach nicht mehr spannend ist.

Was ist der aufregendste Teil, wenn man eine neue Sprache entwickelt?

Wenn man sieht, dass alles auf elegante Art und Weise zusammenpasst, wie in der Mathematik

Was langweilt am meisten?

Syntax-Diskussionen

Irgendwo muss man ja anfangen, wenn man eine neue Sprache entwickeln möchte. Aber womit?

Mit kohärenten Design-Prinzipien. Und, typischerweise, mit einer früheren Sprache, in meinem Fall eben mit Smalltalk.

Lebende, gesprochene Sprachen verändern sich ständig, neue Worte kommen hinzu, andere werden als altmodisch empfunden und nicht mehr benutzt. Ist das bei Computersprachen ähnlich?

Nein, nicht wirklich. Die Notwendigkeit, Änderungen an einer Computersprache vorzunehmen, sind Zeichen eines Designfehlers. Die
besten Sprachen, wie zum Beispiel Lisp, ändern sich nur ganz selten.
Eines meiner Lieblingszitate zum Thema, von Jean-Yves Girard, dem französischen Logiker, passt hier vielleicht ganz gut hin:
„Sprachdesign ist ein Relikt aus der ptolemäischen Astronomie – für immer auf weitere Änderungen angewiesen…”

Aber vielleicht wird es eines Tages die perfekte Computersprache geben?

Wird es nicht, aber in einem eher abstrakten Sinn gibt es diese Sprache bereits seit rund 50 Jahren, Lisp.
Aber natürlich hängt es auch davon ab, wofür man eine Sprache braucht. Menschen brauchen mehr Struktur und mehr Syntax, deswegen bevorzuge ich Self, Smalltalk und jetzt eben Newspeak.

Ein weit verbreitetes Vorurteil über Informatiker lautet, dass sie rund um die Uhr am Rechner sitzen, große Mengen Cola trinken und Pizza essen und dabei seltsame Sachen tippen, in denen viele Klammern vorkommen.
Warum wollen Sie den Nerds die Klammern wegnehmen
?

Ich denke eigentlich darüber nach, sie ihnen wiederzugeben, weil sie nicht besonders wichtig sind und das Fehlen besonders der geschweiften
Klammern zweifellos ein Hindernis ist, sich mit Newspeak anzufreunden. Insgesamt werden sie übrigens mehr Doppelpunkte und weniger Semikolons benutzen.

Teilen Sie diese Cola/Pizza-Vorliebe?

Ich habe eine ausgesprochene Abneigung gegen Pizza. Ich bevorzuge foie gras.

Und die ewigen Nerd-Witze sind Sie vermutlich ziemlich satt?

Nein, sie langweilen mich nur

Wie entspannen Sie sich denn nach der Arbeit?

Ich komme immer seltener dazu. Meine Arbeit ist so stark mit meinem Privatleben vermischt, dass es einen klassischen Feierabend kaum gibt.
Aber ich mag französische Filme, britisches Theater, hebräische und englische Bücher und manchmal gucke ich House im Fernsehen.

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal einen Computer gesehen haben? Wussten Sie damals sofort, dass Rechner in ihrem späteren Leben so wichtig werden würden?

Woran ich mich erinnere ist mein erster Programmierkurs, damals in der11. Klasse. Natürlich hatte ich Computer schon vorher gesehen, im Fernsehen, aber hier stand nun  einer in Wirklichkeit vor mir. Ein PDP11.
Er hatte einen Röhrenmonitor und einen Lichtgriffel – das war ein Vorläufer der Maus – mit dem man direkt auf dem Bildschirm Punkte berühren konnte. Und er war mit ein paar Spielen ausgerüstet.
Heute hört sich das naiv an, aber damals hatten nur wenige Leute so ein Gerät schon einmal in natura zu Gesicht bekommen. Ich war jedenfalls gleich hin und weg.
Wir schrieben dann simple Programme in BASIC, die wir auf Lochstreifen sicherten. Und wenig später war mir auch schon klar, dass ich das später beruflich machen wollte.

Was wäre denn aus Ihnen geworden, wenn sie in der Vor-Computer-Zeit geboren worden wären? Vielleicht ein Mathematiker oder ein Physiker?

Die Menschen hatten früher keine großen Wahlmöglichkeiten – und Juden schon gar nicht. Wenn man heute einen jüdischen Informatiker nimmt und in seiner Familiengeschichte nachschaut, wird man sehr, sehr häufig einen Rabbiner finden. Bei mir ist es nicht anders, aus der familiären Tradition heraus wäre ich wohl Rabbiner geworden, oder Arzt.

Kann man als Programmier-Profi ganz unbefangen durchs Internet surfen, ohne dass einen schlecht gemachte Webseiten stören?

Nein.

Würden Sie sich manchmal wünschen, das Medium so naiv wie die meisten anderen benutzen zu können?

Unwissenheit bedeutet höchstes Glück, vermute ich, aber ich habe mir niemals Ignoranz gewünscht.

Sie haben Mathematik und Informatik an der Ben Gurion-Universität studiert. Warum entschieden Sie sich für ein Studium in Israel?

Einfach, weil ich dort geboren bin und es für mich das Selbstverständlichste der Welt war. Und ich muss sagen, dass ich mein Grundstudium dort sehr genossen habe – viel mehr als die erweiterten Studiengänge später in den USA.

Unterscheiden sich denn die akademischen Standards in beiden Ländern stark voneinander?

Die USA sind einfach mal so riesengroß, und entsprechend viele Möglichkeiten gibt es. Die israelischen Unis ähneln mehr den US-Elite-Hochschulen, nur eben mit schlechterer Ausstattung.
Wie auch immer, es gibt in weiten Teilen des akademischen Systems in den USA eine Vorliebe für reine Fleißarbeiten ohne Wissenszugewinn, was ich für ausgesprochen schädlich halte.

Was bedeutet es für Sie, Jude zu sein?

Es ist Teil meiner Identität. Ethnische Abstammung, und ein reiches kulturelles Erbe.

Sind Sie religiös, leben Sie koscher?

Nein, ich bin Atheist. Und was das Essen angeht, so folge ich dem kantoneischen Grundsatz, wonach man „alles essen kann, das mit dem Rücken zum Himmel gewandt ist”.
Naja, nicht ganz, Katzen würde ich natürlich nicht essen…


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