Google und die Straßen



So hätten es einige der notorischen Kritiker des Internet-Konzerns Google wohl am liebsten gehabt: Noch halb im Mantel hetzt Ministerin Ilse Aigner eines Nachmittags aus ihrem Ministerium, wirft sich atemlos auf den Rücksitz ihres Dienstwagens und weist den Fahrer an, sämtliche geltenden Verkehrsregeln zu ignorieren und hinter, Zitat: “einem dieser seltsamen Autos hinterherzujagen”. Das nach kurzer Verfolgungsfahrt dann auch tatsächlich gestellt wird. Die immer noch ein wenig nach Luft schnappende Ministerin springt daraufhin aus der gepanzerten Limousine, reißt die Fahrertür des am rechten Fahrbahnrand zum Stehen gekommenen mysteriösen Wagens auf, packt dessen Lenker entschlossen am Kragen, schüttelt ihn ein wenig hin und her und ruft: “Es reicht! Wenn sich dieser Blödsinn nicht auf der Stelle aufhört, werde ich ungemütlich. Richten Sie das ihren Chefs aus, ich kann auch anders.”
Politik geht aber nun einmal ganz anders, und so konnten die Autos mit den markanten Aufbauten, mit denen Google derzeit die Straßen der Bundesrepublik abfotografieren läßt, zunächst vollkommen unbehelligt ihrer Wege fahren, um den Content für das nächste große Angebot, Google Street Views, einzusammeln.

Das grob aus Bildern besteht, aber natürlich aus viel mehr: Die Autos mit den schwarzen, turmähnlichen Aufbauten, bestehend acht Kameras und einem Laserradar, sind auf einer Mission, die da lautet, die Welt abzufotografieren, jedenfalls den befahrbaren Teil der Welt.
Im Gegensatz zu Google Map, wo man nach Orten und Straßen suchen kann und sie dann aus der Vogelperspektive präsentiert bekommt –wahlweise als Karte oder als Fotos in nicht allzu hoher Auflösung, soll Street View es den Nutzern erlauben, diese Orte und Straßen aus dem Blickwinkel eines Fußgängers oder Beifahrers zu sehen.
Was Google mit seinem neuen Dienst plant, klingt vordergründig nach einem äußerst nützlichen Service: Urlauber könnten sich beispielsweise vor der Buchung genau davon überzeugen, ob in der Umgebung der gewünschten Unterkunft tatsächlich alles so aussieht, wie es der Prospekt versprach; auch wer kein Geld hat, könne sich die Stadt seiner Träume abseits von den hinlänglich bekannten Sehenswürdigkeiten wenigstens virtuell einmal ganz genau ansehen und Ortsfremden sei es möglich, sich ohne umständliches Kartenauseinanderfalten bequem zu orientieren.
Nun könnte man einwenden, dass es Google ja im Grunde schon gibt und die wichtigsten Informationen sowie meistens auch Bilder mit wenigen Klicks auffindbar sind, aber diesen Einwand ließ der Konzern wenig überraschend nicht gelten.
Stoisch verwies man auf die heute noch ungeahnten vielen neuen Möglichkeiten, die Street View bieten würde, und machte sich zunächst daran, die USA abzufotografieren.
Im Jahr 2007 wurden diese Bilder dann veröffentlicht, und kündeten gleich davon, wieviel Spaß das neue TechDing machen würde, und wie aufregend es werden würde, wenn man irgendwann die Straßen der Welt in allen ihren Einzelheiten sehen würde. Da war zum einen der offenkundig tote Mensch, den User auf einer staubigen Straße im mexikanischen Monterrey entdeckten, und der zu aufgeregten Diskussionen in zahllosen Webforen und Blogs führte. Google besserte daraufhin eigenen Angaben zufolge nach und erklärte, nun auch darauf achten zu wollen, ob zum Beispiel die Gesichter liegender Menschen auf den Bildern zu sehen seien. Im Dezember 2009 dann fanden User heraus, dass auf einer New Yorker Straßenszene ein bewusstlos zusammengebrochener Mann zu sehen war, dessen Gesichtsfarbe trotz der anscheinend aus Pietätsgründen erfolgten Rasterung Besorgnis erregend aussah.
Im Gegensatz zu diesen tragischen Momentaufnahmen oder Fotos von Drogendeals und Umweltverbrechen, kursieren auf zahlreichen Webseiten auch Bilder aus Google Street View, die lustige Szenen zeigen – wenn man nicht gerade derjenige ist, der da ohne es zu ahnen abgelichtet wurde. Andere Fotos wirken dagegen so, als habe sie sich die Marketingabteilung des Konzerns ausgedacht, um bei den künftigen Usern für gute Laune zu sorgen, wie beispielsweise das, das einen Mann mit einer Sex-Gummipuppe unterm Arm zeigt. Oder als ob eine der Gruppen aktiv war, die es sich zum Ziel gemacht haben, mit möglichst abstrusen gestellten Szenen bei Street View zu landen.
Aber was, wenn dieses Bild kein Fake war? Deutsche Datenschützer hatten bereits im Jahr 2009 Alarm geschlagen, und Google hatte sich wenig später, im Juni letzten Jahres, den Forderungen, die speziell der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar gestellt hatte, gebeugt. Das Unternehmen macht zwar in Europa die veröffentlichten Gesichter und Autokennzeichen automatisch unkenntlich, bewahrt die unzensierten Originale jedoch weiterhin auf. Diese deutschen Rohdaten würden nun von Google vernichtet, versprach man, außerdem werden die europäischen Street View-Seiten einen Link zu einem Beschwerdeformular enthalten, so dass jeder, der nicht möchte, dass sein Bild gezeigt wird, einen Löschantrag stellen kann.
Fahrzeuge sind jedoch nicht nur anhand ihrer Kennzeichen zu identifizieren, wie ein Fall zeigte, der sich kürzlich in Großbritannien ereignete: Eine Frau hatte das Auto ihres Ehemannes erkannt, das genau vor dem Haus seiner Geliebten parkte, was zur sofortigen Scheidung führte.
Der schweizerische Datenschützer Hanspeter Thür hatte im November 2009 gegen Google Klage beim Bundesverwaltungsgericht des Landes eingereicht, weil gleich mehrere Straßenaufnahmen unverpixelte Gesichter und Kennzeichen gezeigt hatten. Entgegen den Angaben des Unternehmens schaffe man es nur, 89 Prozent der unkenntlich zu machenden Details auch wirklich zu verfremden, was bei zwanzig Millionen Bildern immerhin 400.000 Fälle von kenntlichen Einzelheiten ergebe. Außerdem solle sich Google verpflichten, eine Woche im Voraus darüber zu informieren, wo man filmen und fotgrafieren werde. Bis zum Urteil wird der Konzern keine Bilder mehr in der Schweiz aufnehmen.
In Deutschland reagierte man deutlich später: Anfang Februar 2010 hatte dann schließlich auch die zuständige Ministerin Ilse Aigner auf die Autos mit den schwarzen Aufbauten reagiert, die schon seit längerer Zeit auf ihren Touren durch die Berliner Straßen beobachtet worden waren.

Stolz verkündete das Ministerium dann den schnell erreichten Kompromiss, den man mit Google erreicht habe: Deutsche Mauern und Zäune sollen nun auch von Google respektiert werden. Normalerweise filmt das Unternehmen aus einer Höhe von rund zwei Meter 80, in Deutschland darf dagegen nur noch aus 1,80 Metern Höhe filmt werden, so dass viele hinter Sichtblenden liegende Gärten und Höfe nicht mehr zu sehen sein werden. Und, wie bereits bekannt: Wer sich auf einem Foto entdeckt, darf der Nutzung widersprechen.
Was zunächst gut klingt, hat allerdings einen Haken: Woher soll man wissen, ob man irgendwo abgelichtet wurde? Die Chancen, zufällig vor dem eigenen Haus stehend vom Google-Auto geknipst worden zu sein sind weit geringer als die, irgendwo anders, sei es auf dem Weg zur Arbeit, beim Shoppen oder im Urlaub abgelichtet worden zu sein, was die Suche nach dem eigenen Bild bei Street View komplett unmöglich macht.
Wem aber gehört das Recht auf ein Häuser-Bild? Darf man ein Gebäude fotografieren und das Bild anschließend nach Belieben kommerziell nutzen, ohne vorher den Besitzer oder vielleicht sogar den Architekten zu fragen? “Die Masse der Häuser stellt gar kein Bauwerk im urheberrechtlichen Sinne dar, weshalb sich die Frage dort nicht stellt”, sagt der Münchner Fachanwalt für IT-Recht, Thomas Stadler. “Was die Gebäude angeht, die Werkscharakter haben, kann man diese Diskussion schon führen. Es gab da kürzlich z.B. in Potsdam eine Auseinandersetzung darüber ob staatliche Schlösser einfach so fotografiert werden dürfen. Das Landgericht Potsdam meinte, das würde die Urheberrechte der staatlichen Schlösserverwaltung verletzen, das OLG Brandenburg hat die Entscheidung allerdings wieder aufgehoben und Revision zum BGH zugelassen. Diese Frage befindet sich also gerade in der juristischen Klärungsphase.”
Hausbesitzer haben zwar die Möglichkeit, der Abbildung bei Google Streets zu widersprechen, Hausbewohner, die ihre Gardinen nicht mit der Welt teilen möchten, dagegen nicht.
Wehren sich Gebäudebesitzer nun massenhaft, könnte eine Idee von Google gefährdet werden: In der Patentschrift zu Street Views steht auch eine „advertising auction“, eine Auktion um Werbeanzeigen. Die dazu führen könnte, dass nicht nur der Besitzer eines Geschäfts, Kinos, Restaurants, sondern auch dessen Konkurrenz bei Street View Reklame auf genau dem Gebäide machen könnte.
In den USA war dieser Passus in den Google-Patentanmeldungen bereits Thema, obwohl vergleichende Werbung dort erlaubt ist, befürchteten einige Kleinunternehmer, dass ihr Laden von zahlungskräftigeren Konkurrenten als Annoncenplatz genutzt werden könnte.

Auf Proteste hin sagte ein Pressesprecher von Google, das Unternehmen in seinen patentdingens eine Vielzahl von Ideen. „Einige der von unseren Mitarbeitern ausgearbeiteten Ideen reifen später zu richtigen Produkten oder Serviceangeboten heran, andere tun dies nicht.”
Google Street View als Werbefläche zu nutzen, liegt nahe. Der –allerdings nach heutigem Stand fehlgeschlagene – Versuch von Google, mit dem Browser Chrome eine ebenfalls kostenlose Konkurrenz zum weit verbreiteteten Firefox aufzubauen, resultierte auch aus einem wichtigen Feature des Browsers. Mit dem AdBlocker lassen sich Google-Anzeigen ganz einfach wegklicken, so dass man die Reklame während des Surfens grundsätzlich nicht mehr zu Gesicht bekommt. Die Weerbeunterdrückung ist weit verbreitet, dass sie natürlich auch dazu führt, dass nicht nur kommerziellen Angeboten, sondern auch Bloggern und kleinen Webseiten auf diese Weise einnahmen entgehen, die zur dauerhaften kostenlosen Bereitstellung des jeweiligen Contents nötig wären, ist ein ganz anderes Thema.
Im Chrome wäre ein solches Feature natürlich niemals ermöglicht worden. Auf Street Views wird Google allerdings, davon kann ausgegangen werden, Wege finden, AdBlocker zu unterlaufen;
Oder dafür sorgen, dass die Nutzer nicht auf Idee kommen, ihn einzusetzen, denn geplant ist wohl, die Werbung als Service zu verkaufen. Restaurants könnten ihre wöchentliche Speisekarte automatisch aktualisieren, Kinos das gerade laufende Programm annoncieren, erklärte ein Sprecher.

Dass der Dienst allerdings nicht ganz so harmlos ist, wie man gern tut, zeigt sich ausgerechnet in Skandinavien, das bis heute für die meisten Mitteleuropäer als Ort der größtmöglichen persönlichen Freiheit gilt. Momentan reagiert man dort noch recht gelassen auf Street View. Was auch daran liegen könnte, dass man dort ganz andere Verletzungen der Privatsphäre gewohnt ist. In Norwegen beispielsweise, wo die Steuerakten seit vielen Jahren generell öffentlich von Jedermann einsehbar sind, kann man auf den Webseiten der großen Zeitungen ganz einfach herausfinden, wieviel Nachbarn, Bekannte oder Prominente im Jahr verdienen – oder wieviel sie angeben, zu verdienen. Spezielle, auf die Daten der Steuerbehörden zugreifende Suchmaschinen spucken das gewünschte Ergebnis, inklusive Wohnadresse, nach kurzer Eingabe des Namens aus. Die Zeitungen hatten mit dem Argument, es herrsche schließlich gleiches Recht für alle, und auch Menschen, die nicht zur Behörde gehen könnten, um anderer Leute Einkünfte zu erfahren , gegen staatliche Bedenken gesiegt – bis heute können allerdings auch in anderen Ländern Wohnende nachschauen, was ihnen bekannte Norweger so verdienen.
Die Kombination aus merkwürdigen staatlichen Vorstellungen von Datenschutz und Freiheit und Google Street Views ergibt zum Beispiel in Norwegen ganz neue Möglichkeiten: Nachzuschauen, in welcher bevorzugten Wohnlage die Haustüren welcher Besserverdiener eher ungeschützt wirken oder in welcher abgelegenen Straße eine alleinstehende Frau im eigenen Haus wohnt, ist mittels Mausklick kein Problem.

Der Artikel erschien zuerst in konkret


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