Kleine Brüder



können auch mal nerven, man hat sie aber trotzdem irgendwie gern, und man ist ihnen nie so richtig böse. Ja, so könnte man Little Brother, das derzeit gefeierte Werk von Cory Doctorow auch ansehen. Nachdem Buchläden es gerne empfehlen, und auf dem Cover der englischen Ausgabe Neil Gaiman sagt, es sei das beste Buch, das er dieses Jahr gelesen habe, denkt man ja schon, das man es mal lesen könnte.

Und? Nunja, es passt in die Zeit, es liest sich flüssig und die Geschichte ist spannend aufgebaut. Man könnte diskutieren, ob es den Hype verdient. Wir hatten schliesslich 1984 , um uns vor Augen zu führen, wohin die Überwachung führt. Um vorzufühlen, wohin uns zuviel Technik in der Zukunft bringen mag, gibt es Halting State von Charles Stross. Um mehr über Steganografie, Krypto und die Neugierde der Leute darüber zu erfahren, liest man eben Pattern Recognition von Gibson. Wer mehr über diesen Tech-Zeitgeist erfahren will, liest direkt danach noch Spook Country und wird eingeführt in das, was man heute wohl Location Based Services nennt.

Wer den Ausbruch eines jungen Mannes aus einem überkontrollierten System beobachten will, der guckt halt nochmal Matrix Teil 1. Wer über Hacker lesen will, der liest Takedown von Tsutomu Shimomura über die Jagd nach Kevin Mitnick. Wer es abgehobener will, guckt nochmal Hackers und schmunzelt amüsiert bei “Hack the Planet” Kampfschreien. Wer aktuelle Infos will, liest bei der EFF oder AKZensur mit und schaut regelmässig nach, was der CCC so treibt.

Trotz allem ist Little Brother keinesfalls ein schlechtes Buch. Es ist für manche vielleicht ein Augenöffner, die die Problematik von Vorratsdatenhaltung, Kundenkarten, Kameras an allen Strassenecken und Überwachung von Kreditkarten etc, auf die leichte Schulter nehmen. Andere mögen sich in ihrer (vielleicht) übertriebenen Paranoia bestätigt sehen. Es ist ein Buch, das man als thematisch interessierte Person lesen kann, aber unbedingt aufpassen sollte, die eigene Vernunft nicht zu sehr aus den Augen zu verlieren. Es ist unterhaltend, ohne technisch zu abgehoben zu sein. Und es ist ein klein wenig nostalgisch, Namen wie M1k3y oder W1n5t0n zu lesen (machen die Kids das wirklich noch?)

Little Brother erzählt die Geschichte eines Schülers, der in eine klassisches “zur falschen Zeit am falschen Ort” Situation gerät und in die Hände der hochmotivierten Homeland Security gerät und dort aufgrund anfänglicher jugendlicher Bockigkeit einen eher schlechten Eindruck macht. Wieder in Freiheit, muss er feststellen, dass San Francisco sich verändert hat, dass präventive Sicherheitsmaßnahmen sich vervielfältigt haben und das bekannte Argument “wer nichts zu verheimlichen hat, hat keinen Grund zur Sorge” an allen Orten verwendet wird, um Skepsis an diesem System zu verbieten. Aber unser jugendlicher Protagonist ist nunmal ein Teenager, technisch versiert, und ausserdem soweit Patriot, um den Absatz aus der Unabhängigkeitserklärung auswendig zu können, der besagt, dass das Volk die Regierung dann stürzen darf, wenn die aktuelle Regierung eben grundsätzliches Fehlverhalten an den Tag legt. Also verfolgt man als Leser dann eine kleine Gruppe aus Teenagern, die sich mithilfe des Internets, technischem Kleinkram und sehr viel Empörung (Nerd-Rage auf neudeutsch) mit der Homeland Security anlegen. Nebenbei gibt es natürlich auch ein Mädchen, Computerspiele, Musik und Kritik an der Presse.

Dies könnte jetzt als bedingte Lese-Empfehlung verstanden werden.

Cory Doctorow
Little Brother
erschienen 2010
ISBN-13: 978-3499215506
Taschenbuch, 512 Seiten
rororo
14, 95€


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