Der Vanille-Typ



Wie es kommen kann, dass man, obwohl als Kind der weltgrößte Fan von Zitroneneis, nie wieder auch nur einzige Kugel des blassweißen Gefrorenen verspeisen wird, ist schnell erklärt. Manche Erlebnisse vergisst man nämlich einfach nie, auch wenn sie schon sehr lange her sind. Wie zum Beispiel das, rund ein Viertelpfund Zitroneneis zu erbrechen, und zwar so, dass die säuerlich-gallehaltige Flüssigkeit, zu der das Gelato im Magen recht schnell wird, den Körper gleichmäßig aus Mund und Nase heraus verlässt.

Also: Nie wieder Zitroneneis. Ein Kind ohne Lieblingssorte hat es jedoch schwer, und so folgte dem traumatischen Erlebnis eine ausgedehnte Testphase. In der die meisten Eise ausgeschlossen werden mussten: Erdbeer? Geht nur dann, wenn man den Geschmack gefrorener Kinderzahnpasta wirklich außerordentlich schätzt. Schokolade? Ist schon rein optisch indiskutabel. Banane und Melone schmecken in aller Regel nach etwas, das sehr lange vor sich hin verrottet ist, Himbeer erinnert viel zu sehr an die Lippenfarbe von Kindern, die seit Stunden im Nichtschwimmerbecken herumplanschen und keinesfalls zurück auf die Liegewiese wollen.

Bleibt also nur Vanille. Und zwar bis heute.
Sicher, es gibt ganz ausgewiesen scheußliches Vanilleeis, das vermutlich so hergestellt wird: Man schüttet mehrere Hektoliter möglichst alter Kondensmilch in einen Bottich, gibt viele Kilo des billigsten Vanillearomas, das auf dem Weltmarkt zu finden ist, hinzu, versetzt die Masse noch mit ein wenig sauer gewordener Schlagsahne und friert das Ganze dann ein. Oder so. Falls der Hersteller solcher nichtswürdiger Eispampe Wert auf gehobenere Kundentäuschung legt, dann müssen zuvor natürlich noch schwarze Pünktchen in das Zeugs hineinappliziert werden, dazu eignet sich Kakerlakenkacke vermutlich ganz gut, ansonsten dürften es kleingemahlene Kohlestückchen oder die Überbleibsel des im Winter vorm Laden verteilten Rollsplits genau so gut tun.

Äh, ist Zitroneneis nicht vielleicht doch eine gute Alternative zu scheußlichem Vanilleeis?

Möglicherweise. Aber es gibt ja auch noch das großartige Vanilleeis, und das ist gar nicht so selten. Ob es allerdings auch irgendwann zum Albtraum werden kann, müsste man mal ausprobieren. Am besten an einem rund sechsjährigen Kind, das man mit vielen Kugeln Vanilleeis vollstopfen müsste, bevor man es eine halbe Stunde Karussel fahren lässt. Verlangt es anschließend, obwohl ihm das vorher Gegessene sowohl aus dem Mund als auch aus der Nase herausfließt, wieder nach Vanilleeis, steht fest, was ja aber sowieso schon klar ist: Beste Eissorte von Welt


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1 Comment

  1. Vanille hat einen entscheidenden Nachteil: Es gibt sie in der südlichen Toskana nicht. Irgendwo muss es einen Vanilleeis-Äquator geben jenseits dessen diese eisigste aller Eissorten unbekannt ist. Ich werde in den nächsten Tagen in Norditalien mal recherchieren.

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