Kleiner Rant in die ungefähre Richtung der Piraten



[Trigger-Warnung für grafische Sprache]

Im Piratenumfeld befasst man sich in letzter Zeit verstärkt mit feministischen/antidiskriminatorischen Ideen. Schön eigentlich, aber…

Ich als Außenstehende, a.k.a. als eine von denen, die keinen Nusskuchen mögen, wundere mich dabei vor allem über eins: Doppelstandards. Und zwar in der Form, dass von den immer gleichen Pirat_innen, die andere über Sexismus und Diskriminierung aufklären, sexistische und diskriminierende Dinge gepostet werden.

Beispiel? Beispiel: Erstmal recht harmlos Wirkendes aus der Kategorie Noobs können Dinge nicht, Leute suchen Webdesigner am Informatik-Institut, oder andere hinlänglich bekannte Internetausdrucker-Klischees. Witze über vermeintlich Dümmere, Ungebildete oder Uninformierte finde ich auch beim zehnten Retweet nicht lustig. Ob jemand einen IQ unter Mensa-Niveau hat, die Wikipedia nicht findet, oder sich durch ein permanentes Brett vorm Kopf auszeichnet: Was sind Witze über Dummheit anderes als elitaristischer Mist? Für mich fällt dieses ständige Heraushängen lassen intellektueller Überlegenheit jedenfalls zumindest unter Dominanzgehabe.

Auch nicht so ganz schlüssig: Zu erklären, es als Privilegierte (sehr schön bei den Kritikern abgeschrieben, btw) niemandem recht machen zu können. Ja und? Ziel des nicht Diskriminierens ist  ja schließlich nicht, dass sich der nicht Diskriminierende gut fühlt. Falls sich Leute ernsthaft durch ihre eigene Privilegierung benachteiligt fühlen: Handelt mit es, um mal Eure Sprache zu verwenden.

Piraten und ihr Umfeld fordern Dinge wie “respect by default“, greifen dabei aber ohne die geringste Notwendigkeit Leute persönlich an. Piraten, die sich als Feministinnen begreifen, bezeichnen andere als “Default-” oder “Durchschnittspiraten”, vereinzelt Schlimmeres. Was Respektlosigkeiten betrifft, sind Piraten immerhin mal dort wo sie sonst gerne wären: Ganz vorne.

Ebenfalls nicht lustig (und deshalb ohne Verlinkungen): Sich über Rape Culture auslassen, aber, ob unüberlegt oder absichtlich sei mal dahingestellt, aktiv dazu beitragen. Piraten posten Vergewaltigungswitze und -ragecomics, Piraten rechtfertigen, wenn Feministinnen Vergewaltigung angedroht wird (überflüssig nochmals zu erklären, es hätte einen Anlass gegeben, danke), und empfehlen zum Follow Friday Twitterinnen, die andere als Mittelmaßm*schi, Trockenf*tze und ähnliches beschimpfen (es war wahrscheinlich nicht so gemeint, aber entschuldigen ist bestimmt voll Eighties).

Und dann kommt aus der erweiterten Piratenecke ernsthaft das Argument “ihr erklärt es uns ja nicht”. Wer sind “wir” und habt Ihr kein Google? Ihr trollt von oben runter wo ihr könnt, und wenn dann mal ein Thema kommt, für das Ihr nicht so wirklich toll qualifiziert sein, stellt Ihr Euch einfach überfordert?

Ihr, Piraten, habt doch angeblich diesen neuen modernen Feminismus, mit dem entscheidenden Hack, der selbst uneinsichtigste Antifeministen bekehrt, was die anderen Feministinnen – die ja Schuld sind, dass eure armen Nerds Nice-Guy-Komplexe haben (von denen ihr antifeministisches Weltbild ja überhaupt erst herrührt) – in den zweihundert Jahren davor nicht geschafft haben.

Ihr habt noch im September in Eurem Kegelklub sinngemäß zum Frauenmangel der Piratenpartei geschrieben, die Presse verstehe das alles falsch, die Piraten wären ja postgender. Die Erkenntnis, dass das vielleicht doch nicht so ganz den Tatsachen entspricht, traf Euch spät, und hat anscheinend nicht mal für das Eingeständnis gereicht, dass dieser sogenannte mediengemachte Shitstorm nichts weiter als berechtige Kritik war. Feministische Kritik – na, klingelt’s?

Und genau die als Feindbild ausgemachten Feministinnen sollen Euch dann noch Sachen erklärbären und wenn sie’s nicht tun sind sie unsolidarisch? Kann nicht Euer Ernst sein.


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9 Comments

  1. Endlich sagt`s mal jemand laut und deutlich, danke dafür.

  2. Man muss wahrscheinlich dabei gewesen sein, um diese ganzen Informationsschnipsel zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen zu können.

  3. Antwort auf die E-Mail eines Piraten, der nicht kommentieren wollte
    (gekürzt und mit Zustimmung veröffentlicht)

    1. Diskriminierende Witze macht jeder, nicht nur Piraten.

    Sollte aber meiner Ansicht nach nicht andauernd ausgerechnet den Leuten passieren, die in der Piratenpartei anderen vermitteln wollen, wie man es richtig macht. Wenn deren Antidiskriminierungswissen, wenn überhaupt, nur theoretisch vorhanden ist, haben die bei mir zumindest ein Glaubwürdigkeitsproblem.

    2. Ganz vorsichtig gefragt, nicht böse / aggressiv gemeint und nichts unterstellen wollend: fühlst Du (sagen wir mal nötigenfalls stellvertretend für “die Femininistinnen”) Dich von Männern (grundsätzlich?) diskriminiert? Angegriffen? Unterdrückt? Benachteiligt? Mißachtet? Ich habe schon den Eindruck, daß Du Vieles sehr persönlich nimmst. Hast Du negative Erfahrungen ob Deines Frauseins bzw. geschlechtlichen Selbstverständnisses gemacht?

    Verstehe ich das richtig, du meinst, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist nur subjektiv gefühlt und nicht wirklich vorhanden?

    3. Das ist alles nur entnervte Schimpfe, das sehe ich genau!

    Substantiierte Kritik ist mir am liebsten.

    4. [Zu Vergewaltigungswitzen, -androhungen, Rape Culture] Das sind Arschlöcher und Arschlöcher gibt es auch außerhalb der Piratenpartei.

    Dass andere auch nicht besser sind, ist kein Argument.

    5. Ich weiß überhaupt nicht, was dieser vielzitierte Kegelklub sein soll.

    Das könntest du vielleicht selber googlen oder dort mal fragen.

    6. Was soll diese “berechtigte feministische Kritik” gewesen sein? Piraten sind postgender und lassen sich kein Frauenproblem aufdrücken. Wir werden sicher keinen Eintrittsstopp für Männer verhängen.

    Der Kritikpunkt war, dass die Piraten etwas behaupten das nicht stimmt: Dass die Partei postgender wäre. Die Piraten erklärten damit das Problem Frauenmangel für nicht existent und die Berichterstattung zum Shitstorm. Die Medien haben das bloßgestellt als einziges Argument und untauglichen Versuch, eine Quotendiskussion (oder irgendwelche anderen Ansätze) zu unterbinden. Man kann gar nicht postgender sein, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür nicht gegeben sind und die Postgender-Gesellschaft führt sich nun mal nicht durch bloßes Herbeiwünschen ein.

    7. Wenn Piraten Nusskuchen für dich sind, warum interessiert du dich dann für sie?

    Die Nusskuchen-Metapher fragte, was es sein könnte, das interessierte Frauen davon abhält bei den Piraten mitzumachen. Und du verdrehst sie jetzt so, dass ich mich ja nicht interessieren brauche, wenn die Partei für mich Nusskuchen ist. Du verwechselst Ursache und Wirkung.

    8. Feministinnen sind überhaupt kein Feindbild bei den Piraten.

    Das hoffe ich doch. Darum ging es aber nicht, sondern darum, dass Piraten- “Feminismus”/”Equalismus” (siehe hier) andere Feministinnen als Feindbild aufbaut (siehe z.B. hier), antifeministische Ressentiments und den Nice-Guy-Mythos bedient.

  4. Ach.
    Ich mochte und mag eigentlich nicht kommentieren. Weil jetzt sozusagen genau das “eingetreten” ist, was ich vermeiden wollte. Dafür bin ich mir jetzt recht sicher: wir reden an den meisten Punkten aneinander vorbei bzw. mißverstehen uns konsequent. Ich wollte ja – wie der Mitleser nicht weiß – eigentlich überhaupt nicht schriftlich auf Deinen Rant reagieren, weil ich ein persönliches Gespräch deutlich preferiere (und auch schlicht für sinnvoller und zielbringender halte; irgendwas mit Gestik und Mimik und so). Zumal die eMail persönlich gemeint war und nicht pauschal. Nun ja. Eine persönliche Antwort hätte ich auch gern irgendwann mal, aber das wird wohl dann nicht hier stattfinden.
    Für eine detaillierte Antwort bin ich heute schlicht zu wenig aufnahmefähig, geistig mürbe, aber sie sei Dir versprochen. Auch hier, damit Deinem Wunsch entsprechend auch andere Leser noch etwas davon haben.

  5. So berechtigt gewisse Kritik in Einzelfällen auch sein mag, so stößt doch ein Umstand, der sich wie ein roter Faden durch den ganzen Beitrag zieht, übel auf:
    das Fehlen jeglicher angezeigten Differenzierung!

    Da werden Fallbeispiele zitiert, um dann in einem fort pauschal von “Piraten” zu schwadronieren. Was ist mit der Mehrheit der Piraten, die sich keines dieser Vergehen zu schulden kommen ließen und diese sogar ablehnen? Die interessieren nicht? Hauptsache, man kann anhand von Einzelfällen Alle über einen Kamm scheren? Sanczny, darf man deinen Generalisierungen entnehmen, dass du gerne wieder Sippenhaft einführen würdest? Oder wie sonst ist es zu erklären, dass du dich über Diskriminierung beschwerst, selber aber durch deine unsägliche Pauschalisierung all Jene diskriminierst, die damit gar nichts zu tun haben?
    Wie war das noch mit “Doppelstandards”?

    BTW: was bedeutet für dich “post-gender”? Oder benenne doch bitte mal konkret, was die “Gender-Theorie” besagt. Und bitte erspare mit Verweise auf Google oder Ähnliches.

    BTW2: Zur zweiten Frage von “einem Piraten, der nicht kommentieren wollte”: du wirst um ein persönliches Statement zu deinem Empfinden gefragt und dann erschöpft sich deine Reaktion, “Antwort” kann man das ja nicht nennen, in einer Gegenfrage, die die Worte im Munde rumdreht? Im Übrigen: selbstverständlich kann es in Einzelfällen so sein, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nur subjektiv gefühlt und nicht wirklich vorhanden ist. Aber das war nicht die Frage.

  6. @Logos

    Meinem Text mal eben jede Art der Differenzierung abzusprechen ist aber auch nicht besonders differenziert. Ich meinte natürlich nicht alle Piraten, sondern – siehe zweiter Absatz – speziell diejenigen die andere über Sexismus und Diskriminierung aufzuklären versuchen und gleichzeitig selber sexistisch und diskriminierend agieren. Nur aus diesem Umfeld habe ich die Beispiele bezogen. Wer keines der Beispiele beigesteuert hat, braucht sich bitte nicht angesprochen zu fühlen. Wo nur “Piraten” steht also bitte kein “alle” oder “die” dazu interpretieren.

    zu btw: Postgender bedeutet, über das Geschlecht “hinweg” zu sein, das Geschlecht als Kategorie abzulehnen. Die Gender-Theorie besagt, dass das soziale vom biologischen Geschlecht unabhängig ist. (Was hatten die Fragen mit meinem Text zu tun?)

    zu btw2: Die Frage habe ich nicht beantwortet, weil sie nichts mit dem Beitrag zu tun hatte. Klassischer Fall von Derailing.
    Natürlich kann Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch mal “gefühlt” werden ohne dass sie tatsächlich vorhanden ist, aber: Das hat auch wieder genau nichts mit meinem Beitrag zu tun.

  7. Zum ersten Absatz: Danke für die Klarstellung, der es um der Wahrheit willen schon bedurfte.

    zu btw:
    “Postgender bedeutet, … das Geschlecht als Kategorie abzulehnen”? So pauschal?
    Ich hoffe, die PP sieht das so nicht
    Vielen Dank für dein Statement zur Gender-Theorie: das wird ja selten so explizit gesagt. Sofern das soziale vom biologischen Geschlecht unabhängig ist, bedeutet das, es existiert keinerlei Zusammenhang? Falls nein, was bedeutet dann “unabhängig”? Falls ja, was hältst du persönlich von dieser These (dass dass soziale in sofern vom biologischen Geschlecht unabhängig ist, dass keinerlei Zusammenhang existiert)?

    Das hat in soweit etwas mit deinem Text zu tun, wie du abstreitest, dass die PP postgender ist. Um darüber zieführend reden zu können, müssen erst mal die Begriffe geklärt werden. Sofern man über postgender redet, muss ebenfalls geklärt sein, was die Gender-Theorie besagt.
    Persönlich halte ich die Gender-Theorie, wie so von dir formuliert wurde und wie sie so in den Köpfen vieler Gender-Gläubigen zu finden ist, für eine der größten Lügen und Irrlehren der Neuzeit.

  8. @Logos

    Postgender, wie die Piraten es vertreten, bedeutet, das Geschlecht als Kategorie abzulehnen. So einfach und so weitreichend. Anders würde es ja nicht taugen, damit jede Quotendiskussion zu unterbinden. Wenn die Piraten behaupten, für sie spiele das Geschlecht keine Rolle, kann es sich nach ihrer Logik auch nicht mehr benachteiligend auswirken.

    Für deine weiteren Fragen würde ich dich aber bitten, dich mit dem Kegelklub oder anderen Postgender-Vertretern auszutauschen. Da ich es überhaupt nicht vertrete, fühl ich mich nicht berufen, das zu diskutieren.

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