Erklärt: Die große norwegische Butterkrise



Während Verschwörungstheoretiker die norwegische Butterkrise schon als Zeichen für die unmittelbar bevorstehende Endzeit (oder so) sehen, gibt es, wie immer, auch für den Grundnahrungsmittel-Mangel in einem der reichsten Länder der Welt, ganz einfache Erklärungen . Die Butter ist knapp, weil die Norweger egoistische Käufer sind, oder, anders ausgedrückt: Ein gewisser Mangel an Butter führte dazu, dass die norwegischen Konsumenten verstärkt auf Butterjagd gingen.
Gegenüber der Tageszeitung „VG“ erklärte Dozent Bendik Samulesen von der Handelshøyskolen BI bereits Ende November, dass Egoismus und Gedankenlosigkeit zu den ausschlaggebenden Faktoren der großen norwegischen Butterkrise gehörten. UND die Weihnachtszeit, die auch im mit 4,9 Millionen Einwohnern eher überschaubar großen skandinavischen Land mit ausgedehnten Backorgien begangen wird – für die man Butter braucht. Und zwar deutlich mehr, als man normalerweise benötigt.
“Und nun kommt die Adventszeit”, hatte Samuelsen prognostiziert, “und wenn dann überall darüber berichtet wird, dass die Butter alle ist, dann wird sie natürlich zu etwas ganz furchtbar Wichtigem, zu etwas, das alle gern haben wollen, und zwar sofort.”
Normalerweise hätten die vorhandenen Buttermengen durchaus für den Alltag ausgereicht, aber die Käufer reagierten irrational. Überall dort, wo noch genügend Päckchen vorhanden waren, dauerte es nicht lange bis zum großen Ausverkauf. Sicherheitshalber nahm man nämlich noch eine Extra-Packung mit, und dazu noch eine für die Freundin, die Mutter, den Onkel – und schwupps war die Smør alle.
„Ich glaube nicht, dass alle diese Menschen sich klarmachten, dass sie mit ihrem Handeln anderen Leuten, die nichts mehr abbekamen, die Weihnachtszeit verderben könnten“, sagte Samuelsen, der sich „an Ausverkäufe erinnert fühlt, wo die Leute einander ja auch besondere Schnäppchen aus den Händen reißen.“ Und so habe eben auch für den Beginn der Butterkrise gegolten: „Die Jagd auf ein Schnäppchen weckt ganz sicher nicht die besten Seiten in uns Menschen.“
Per Roskifte, Direktor in Norgesgruppen, bestätigte diesen Eindruck: “Hin und wieder erlebt man mal, dass Menschen anfangen zu hamstern. Das ist auch ganz normal, denn das gehört zum Bedürfnis nach Sicherheit und langfristiger Planung. Das menschliche Hamster-Gen ist ziemlich einfach in Gang zu setzen” – Berichte zeigten schließlich, dass bereits nach ersten Berichten über abnehmende Butterbestände ausgedehnte Vorratskäufe eingesetzt hatten.
Nun sind die Auswirkungen des Buttermangels das Eine, das Andere sind die Gründe. Wie kann es passieren, dass in einem der reichsten Länder der Welt plötzlich ein Grundnahrungsmittel knapp wird? Ganz einfach: Im Herbst hatten die norwegischen Kühe rund 20 Millionen Liter Milch weniger gegeben als sie es normalerweise tun – wahrscheinlich, weil es ungewöhnlich früh kalt geworden war. Gleichzeitig war der Butterverbrauch im Land durch den allerorten propagierten LowCarb-Ernährungstrend stark angestiegen. Die Meierei Tine hatte deswegen bereits bis November 1000 Tonnen Butter mehr produziert und verkauft als in den Vorjahren.
Und nun ist die Butter eben alle. Aber kann Norwegen dann nicht einfach Butter aus anderen Ländern importieren? Ja, bereits im November wurde der Importzoll auf Butter von 25,19 Kronen auf nur eine Krone gesenkt. Gleichzeitig gilt Norwegen jedoch als extrem pingeliger Nahrungsmittel-Importeur, was an der Tollwut liegt. Das Land ist nämlich – eine Seltenheit in Europa – offiziell tollwutfrei und möchte diesen Status auch erhalten. Bräche die Seuche nämlich einmal aus, dann wäre sie in dem flächenmäßig riesigen Staat mit seinen ausgedehnten menschenleeren Gegenden und riesigen naturbelassenen Wäldern kaum unter Kontrolle zu bekommen. Weswegen Einwanderer ihre Haustiere erst ein halbes Jahr in Quarantäne geben müssen, bevor Hund und Katze nach Norwegen einreisen dürfen. Und eben viele Lebensmittel nicht einfach so importiert werden dürfen. Und in der Weihnachtszeit wird überall in Europa viel gebacken und Butter verbraucht: Kühl-Transporter tausende Kilometer weit zu schicken, um etwas zu verkaufen, das man zu Hause grad genau so loswird, dürfte nicht für jeden europäischen Butterhersteller zu den superlukrativen Geschäftsmodellen gehören.


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