Lesen anfachen mit dem Kindle



(Achtung: Dieser Artikel beschäftigt sich grösstenteils nur mit dem neuen Kindle ohne feste Tastatur)

Kindle Front mit MenüSo, oder ähnlich müssen sich das die Marketingjungs von Amazon gedacht haben, als sie ihren E-Reader Kindle nannten. Und vermutlich haben sie sich bei “Kindle Fire” halb tot gelacht und sich viele High-Fives dafür gegeben. Wer ganz hässlichen Humor hat, kann jetzt auch versuchen Witze über Bücherverbrennungen zu machen, aber das ist sehr pfui. Lieber so Witze wie “den Kindle im Bad ausschütten”

Aber egal, wenn wir über Markennamen lästern wollten, dann kämen wir ja zu gar keinem Ende mehr.
Wir wollen ja über den Kindle als Gerät reden. Die Zweifel sind vermutlich bekannt. Da wäre die fehlende Haptik, das Fehlen von völlig neuen Büchern, bei denen teilweise die Seiten noch an den Kanten aneinander kleben, die leichten Druckerschwärzeflecken die man bekommt. Das Erkennungsmerkmal der Buchrücken bei broschierten Büchern, die leichten Brüche, die sich im Rücken bilden. Nicht zu vergessen die Knicke in den Seiten, wenn einem etwas auf das offene Buch fällt, und die Eselsohren die manche Leute wirklich an Stelle eines Lesezeichens verwenden. Die angekauten Ecken bei Lesern, die Katzen haben. Die Fettflecken, wenn man nebenbei etwas isst…

Diese Merkmale fallen beim Kindle alle weg. In manchen Fällen ist das sogar schade. Aber was an dem Kindle ist jetzt eigentlich gut?
Nun, da wäre zum Einen das Gewicht, man trägt da ca. 300 Gramm (je nach Hülle) mit sich herum, und diese 300 Gramm enthalten ein paar hundert Bücher. Zum Anderen die enorm gute Akkuleistung. Dank der E-Ink Technologie hält der Akku wirklich lange, und lädt sich binnen kürzester Zeit voll auf. Zusätzlich zum Gewicht spricht auch die Grösse für die Gerätchen, je nach gewählter Hülle (auf die Hüllen kommen wir noch zu sprechen) nehmen sie knapp 18cm Höhe und nicht ganz 13cm Breite Platz in der Tasche weg. Die Mutigen können sich den hüllenlosen Kindle übrigens auch in die Gesässtasche einer Jeans stecken. Ratsam ist das jedoch nicht.

Und das Lesen selbst? Bei den in Deutschland erhältlichen Kindles, also der Kindle Keyboard mit Tastatur und der ohne Tastatur setzen ja auf E-Ink Technik. Also passive Displays ohne Eigenlicht. Das spart Strom, ist angenehm fürs Auge, weil es wirklich Lesen auf dem Papier simuliert und ermöglicht sehr, sehr dünne Displays. Die Hintergrundfarbe beim Kindle ist ein sehr helles Grau, also kein reines Weiss, wie bei manchen Büchern, was im direkten Sonnenlicht manchmal eher lästig ist.

Zubehör? Ja, die Hüllen, endlich kommen wir auf die Hüllen zu sprechen. Diese gibt es in vielen Ausführungen, die Grundform ist meist gleich, das Gerät wird an vier Ecken fixiert, die Hüllen sind von der Bauweise so, dass sie ebenfalls für Linkshänder angenehm benutzbar sind. Der Deckel der Hülle simuliert bei Benutzung mehr Buchgefühl, das Gerät sitzt fest und sicher, und alle Bedienelemente sowie der USB Steckplatz sind gut zu erreichen. Es gibt Hüllen, die von Optik und Haptik an Lederbücher angelehnt sind, und es gibt schlichte Varianten und es gibt quietschebunte Hüllen. Wer mag, legt sich eine Hülle mit integrierter ausklappbarer LED-Lampe zu, die von der Bauweise her genau das Display ausleuchtet und ist damit dann nicht mehr auf vernünftiges Leselicht im Zug, Auto, Flieger oder daheim angewiesen.

Die Schrift steht als Werkeinstellung auf Caecilia, deren Serifen sind nicht ganz so schnörkselig wie bei einer Times, und sind auch bei grösserer Schrifteinstellung noch angenehm kontrastierend, und in klein nicht zu verwaschen. Und im Druck ist man Serifenschrift ja auch eher gewohnt. Je nach Lesegewohnheit und Augenbelastung kann man sich die Schrift eben grösser oder kleiner stellen, die Zeilenabstände zwischen “klein”, “mittel” und “gross” einstellen und die Menge der Worte pro Zeile einstellen. Die Schrift selber kann man von der Werkseinstellung noch auf “condensed” (kürzere Laufweite, also weniger Abstand zwischen den Buchstaben eines Wortes) und auf völlig serifenlose Schrift stellen. In Sachen Typografie ist der Kindle also nichts für Liebhaber (aber die haben heutzutage auch bei vielen Büchern keine Freude mehr).
Die Werkseinstellungen reichen bei ordentlichem Licht und gesunden Augen bzw. Lesebrille für ein angehmes Lesegefühl völligst aus.

Die Benutzerführung ist ansonsten sehr intuitiv, dank des Designs ist der Kindle sowohl für Rechts- als auch Linkshänder sehr einfach zu bedienen, die Tasten zum Blättern sind jeweils rechts und links auf gleicher Höhe angebracht, die Vorwärts-Taste ist etwas grösser. In der Mitte befindet sich das Steuerelement, das mit den vier Richtungstasten und der Auswahltaste in der Mitte für viele Handybenutzer bekannt ist. Links und rechts daneben finden sich die Tasten für das Einblenden der Tastatur, eine Zurück-Taste, das Menü und eine “Home”-Taste.
Mit einer Hülle, stellt sich das normale Lesegefühl binnen weniger Tage ein, und man nutzt die Blätter-Tasten völlig intuitiv.

Kindle mit Hülle für RechtshänderNoch ein paar langweilige, aber wichtige technische Daten: Der Kindle fasst etwa 1.25GB Daten, laut offizieller Angabe, entspricht das bis zu 1.400 Büchern. Als Leser ist man jedoch keinesfalls auf die ca. 1.400 Bücher begrenzt, dank der Amazon Cloud werden alle erworbenen Bücher gespeichert und man kann vom eigentlichen Gerät Bücher entfernen und jederzeit wieder herunterladen. Der Kindle ohne Keyboard kommt nur mit einer WiFi Schnittstelle, das heisst ohne verfügbares WLan oder Rechner mit Internetanschluss und USB Kabel, lässt sich der Kindle nicht effektiv nutzen.

Amazon gibt an, derzeit über 950.000 Bücher als E-Books (in deutsch und weiteren europäischen Sprachen) zu haben, zusätzlich lassen sich auf dem Gerät auch PDFs ansehen.

Was ist schlecht am Kindle?
Bücher lassen sich nicht eben mal tauschen. Nehmen wir an im Haushalt X leben zwei Personen, beide besitzen einen Kindle und einen eigenen Amazon Account. Leider ist es Person A nicht möglich, das Buch Person B auf deren Account zur Verfügung zu stellen. Dies liegt jedoch nicht nur an Amazon, in den USA sind bereits einige Verlage dazu übergangen auch eine Verleih-Option auf der Amazon-Oberfläche anzubieten, man kann hoffen dass dies auch bald in Deutschland möglich ist.
DRM geschützes Format. Das ist immer schlecht, egal ob von Sony, Amazon, Apple, egal ob Musik, Video, Spiel oder Buch. Das ist einfach so.

Für wen ist der Kindle eine ernstzunehmende Option?
Für Leute, die bisher schon viel über Amazon gekauft haben, einen Account haben und mindestens zuhause ein WLan zur Verfügung haben.
Für Leute, die viel lesen und ab und zu mit Grauen an den nächsten anstehenden Umzug denken.
Für jene, die gerne ein Buch dabei haben wenn sie unterwegs sind, und feststellen, dass der neueste Band von George R.R. Martin in der Taschenbuchausgabe stolze 976 Seiten fasst und es in der Tasche langsam eng wird.

Wer sollte keinen Kindle haben?
Alle, die Amazon als die linke oder die rechte Hand des Teufels ansehen. Vom DRM-Format azw wird Kindle auch in naher Zukunft nicht abrücken. Leute, die mehr Formate auf ihrem E-Reader lesen wollen, ohne sich Konvertierungen von z.B dem offenen EPUB Format in PDF oder Mobipocket Book Format zumuten zu wollen. Und jene, die eine Hintergrundbeleuchtung für ihren E-Reader haben wollen, oder auf die Touch Option eines Displays nicht verzichten wollen.
Plus, natürlich: Leute ohne Internet.

Wer sollte welchen Kindle haben?
Wer eher auf Sachbücher setzt, und bisher gerne Notizen in Form von Postits, Randgekritzel und Textmarker gemacht hat, der sollte eher den Kindle Keyboard in Erwägung ziehen, zum Schreiben längerer Texte ist die On-Screen Tastatur nämlich sehr unhandlich.
Wer ständig unterwegs ist und den vollen Umfang nutzen will, sollte sich ebenfalls eher mit dem Kindle Keyboard anfreunden, den gibt es in einer Ausführung mit 3G Schnittstelle.
Wer unbedingt einen Touch-Screen will, der sollte warten ob Amazon hier auch den Kindle Fire auf den Markt bringen wird.
Wer den Kindle in erster Linie nur zum Lesen nutzt, der ist mit dem 99 Euro Modell ohne Keyboard gut bedient.


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