In welche Schublade wollen Sie denn heute?
Ich kapiere es nach wie vor nicht, aber ich gebe nicht auf. Irgendwann habe ich die ominöse Feminismusdings kapiert. Also irgendwann, nicht heute, und nicht morgen, nicht nächste Woche … hmm … mal sehen.
Ich habe mir auf Twitter mal sagen lassen, dass ich wie ein “Gegenentwurf zur boys’ club Anpasserin” wirke. Und vor einigen Monaten musste ich mir beim Stehenbleiben am Krawattenstand sagen lassen “wir sind Mädchen, wir tragen keine Krawatten”. Ich beobachte Diskussionen zu einem feministischen Blog und stosse dort auf einen Namensvorschlag “bits & dykes” und bin ein wenig erschrocken. Für mich persönlich ist dyke immer noch ein extrem unhöflicher Begriff für Lesbe.
Insgesamt kommt es mir so vor als sei Feminismus immer noch arg eingeschränkt, nachdem unsere Vorfahrinnen BHs verbrannt haben, dafür gesorgt haben, dass wir das Wahlrecht haben, scheint es doch immer noch so als wäre die ganze Sache recht fix vorgegeben. Das Nerdmädchen von heute muss Interesse an Mode haben, Makeup können, technisch versiert sein, bunte Nägel habe und bei Glitter hysterisch kichern.
Ich mag keinen Glitter, ich mag manchmal Hello Kitty, aber mit einem Grad Selbstironie. In meinem Fall die Mischung aus Mädchen und Asiatin sein. Ich mag kein rosa, ich mag meine Gadgets in erster Linie funktional. Ich hab manchmal bunte Nägel. Ich mag auch manchmal Krawatte tragen.
Ich denke auch gerne mal über die “männliche Seite” einer Sache nach. Ich vermisse bei manchen feministischen Aussagen die freie Wahl. Im Jahr 2012 sollte Feminismus auch sein, dass Frauen anderen Frauen eine Wahl lassen. Ob sie glitzernde rosa Plüschkugeln an ihr Handy hängen wollen, oder eben nicht. Beides sollte erlaubt sein. Es sollte erlaubt sein Hosen und flache Schuhe zu tragen, abgekaute Fingernägel zu haben, die InStyle nicht zu lesen und trotzdem ein Linux auf Kommandozeile bedienen zu können. Es sollte erlaubt sein Witze über Frauen zu machen, genau wie es erlaubt sein sollte Witze über Männer, Hasen und Windows Phone User zu machen.
Wir sind in Deutschland, Deutschland hat leider im Gegensatz zu manchen anderen Sprachen eine starke Geschlechtertrennung. Muss ich mich deswegen verrückt machen? Ich behalte mir weiter das Recht vor auf die Frage nach meinem Beruf zu sagen “Programmierer”. Wem die deduktiven Fähigkeiten fehlen, aus meinem Aussehen oder meinem Namen die weibliche Geschlechtsform zu erkennen, hat Pech gehabt. Ich bin zu tippfaul überall ein Binnen-I oder wie das heisst, einzuführen.
Ich verstehe auch immer noch nicht warum es jetzt Flugbegleiterin heisst, und nicht mehr Stewardess und Frisörin und nicht mehr Friseuse. Ich verstehe auch nicht warum ich keine Krawatte tragen dürfen sollte, wenn ich das gerne möchte. Und ich verstehe nicht, warum ich Glitter mögen sollte. Ich verstehe nicht warum andere Glitter mögen, aber wenn sie das mögen, sollen sie halt. Toleranz ftw!
Ich bin keine Boys’ Club Freundin, aber es fällt mir manchmal leichter die Kerle zu verstehen. Ich verstehe noch immer nicht ganz die Definition von Feminismus heutzutage. Es scheint aber nicht auszureichen sich als Frau (wohl) zu fühlen, und zu benehmen wie ich es für richtig halte unter Einsatz von gesundem Menschenverstand, emotionaler Irrationalität, Wikipedia, Bauchgefühl und persönlicher Definition von Integrität. Schade eigentlich.
Ich vermisse das gute alte “leben und leben lassen”. Oh Moment, nein, das hat es ja noch nie richtig gegeben. Verdammt.
Übrigens habe ich heute schlammfarbene Nägel, und meine Ipad Hülle ist grau, ohne Glitzer. Und ich werde eher töten, als jemand daran Glitzer machen zu lassen. XKCD les ich aber trotzdem weiter. Ich reisse mir auch weiterhin eher die Augen aus, als InStyle zu lesen oder mir zu merken wo ich mir Klamotten kaufe. Und Geek & Poke ist immer noch toll.
Nehmt dies!
Und sobald ich weiss, was ich damit aussagen will, ausser mein Nichtbegreifen des Feminismus, hör ich damit vielleicht wieder auf.Tweet
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Feminismus steht für die freie Wahl. Für glitzernde rosa Plüschsachen für alle, die glitzerende rosa Plüschsachen wollen, nicht nur für Frauen. Emotionalität auch für Männer. Rosa Fingernägel auch in abgekaut, und wer nicht will, lackiert halt nicht.
Oder, um das mal auf eine ernstere Ebene zu bringen, z.B. für Gleichstellung für Homosexuelle und Trans*. Da fehlt noch an vielen Stellen die Möglichkeit, frei zu wählen. Homosexuelle Paare können z.B. nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. Heterosexuelle Ehe und Zuverdienermodell werden durch Ehegattensplitting gefördert. Hetero sein und “klassische” Rollenverteilung wird belohnt. Da passiert eine Wertung durch den Staat, die mindestens überholt ist.
Um die freie Wahl zu haben, braucht es passende gesellschaftliche Rahmenbedigungen. Wo Feminist_innen dann auch mal pissig werden, ist, wenn Leute unter dem Deckmäntelchen von Freiheit und Gleichheit sich gegen die Schaffung dieser Rahmenbedingungen einsetzen, und noch blöder: Dafür so tun, als sei Feminismus einschränkend.
Einige behaupten, Kindererziehung und Care-Arbeit – jetzt schon offensichtlich unterbezahlte und oft unbezahlte Arbeit – würde durch Feminismus abgewertet, und Frauen gedrängt, ihre Kinder “abzugeben”. Dabei will Feminismus auch hier Wahlfreiheit. Wenn Frauen weniger verdienen als Männer, ist die Entscheidung, wer nach der Geburt eines Kindes erstmal zu Hause bleibt, nämlich gar keine so freie. (Neo-) Liberale und Konservative negieren diese strukturellen Rahmenbedingungen, und erklären, Frauen hätten sich schon bei der Berufswahl falsch entschieden (wären am Gender Pay Gap selber schuld, weil sie schlecht bezahlte Berufe wählen) und wären dann eben einfach nicht bereit, höhere Einkommenseinbußen nach der Geburt des Kindes hinzunehmen. Als ob sich alle den Wegfall des höheren Gehalts leisten könnten. Und als ob Frauen, und nicht Rahmenbedingungen Männer abhalten, nach der Geburt eines Kindes Erziehungszeit zu übernehmen. Dass lesbische Paare und Alleinerziehende diese Wahlmöglichkeit gar nicht haben, geht dann schon komplett über den Horizont.
Und dann kommt Kristina Schröder und erfindet ein Großelterngeld, statt endlich genügend Kinderbetreuungsplätze zu schaffen, und stärkt klassische Familienstrukturen, die viele nicht haben und andere nicht wollen. Und schreibt auch noch ein Buch auf dem steht “Wir sind schon emanzipiert” und irgendwie drängt sich mir da der Untertitel auf “weil wir privilegiert genug sind, uns Emanzipation zu kaufen”.
Was wollen die Feminist_innen, insbesondere diese radikalen, von denen immer die Rede ist? Ich für meinen Teil möchte mehr Auswahl, mehr Schubladen, und ein Aufbrechen von Geschlechterrollen dahingehend, dass, was als “weiblich” gilt nicht mehr abgewertet wird, nicht an Frauen und auch an sonst niemandem. Dass sexistische Unterdrückung auf der Grundlage dieser Hierachie aufhört. Dass Quoten nicht mit dem Argument “Wer nicht genügend Ellbogen hat, kann halt keine Karriere haben” abgebügelt werden. Weil das viele in Verhaltensmuster drückt, die sie überhaupt nicht wollen. Und das passiert deshalb, weil, was als “männlich” gilt, immer noch höher bewertet wird. Schubladen sind gar nicht das Problem, wir brauchen nur passende Schubladen für alle, und wir müssen aufhören, uns selbst über die Abwertung anderer aufzuwerten. Und das gilt für alle Diskriminierungsformen: Sexismus, Heterosexismus, Rassismus, Klassismus, Ableism… Und wenn mich jemand dogmatisch nennen will, weil ich sage, Body Policing ist kein Mittel gegen Magersucht, und wer nicht die passenden Teile hat, sollte vielleicht niemandem drüber belehren, wie unnötig Muschi-OPs sind… dann nennt mich halt dogmatisch.
Was ich damit eigentlich sagen wollte: Ich finde, du machst das echt gut mit dem Feminismus.
Ich finde es etwas traurig, dass mehr oder weniger fest umrissene Begriffe, ihrer Bedeutung völlig beraubt und nach Belieben in verschiedene Kontexte mit verschiedenen Bedeutungsebenen getaucht werden. Feminismus ist nur eins der aktuellsten Beispiele und die Ignoranz von frau Schröder nur zeitnah aber es ist ein weites Problem, dass Menschen das Verständniss nur noch weiter erschwert.